Klahr    Alfred Klahr Gesellschaft

Verein zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung

Drechslergasse 42, A–1140 Wien

Tel.: (+43–1) 982 10 86, E-Mail: klahr.gesellschaft@aon.at


 

Home
AKG
Veranstaltungen
Mitteilungen
Publikationen
Geschichte
Links

 

Herbert Berger: Solidarität mit Chile. Die österreichische Chile-Solidaritätsfront 1973-1990. Wien: Verband Wiener Volksbildung - Edition Volkshochschule 2003, 141 S., 10 Euro

Vor dreißig Jahren wurde die sozialistische Regierung Salvador Allendes in Chile durch einen militär-faschistischen Putsch gestürzt. Siebzehn Jahre konnte sich diese Diktatur, vor allem durch die Unterstützung der USA halten. Sie ermordete tausende Anhänger der Unidad Popular und anderer linker Gruppen und zwang zehntausende Chilenen ins Exil. Geschätzte 1500 Flüchtlinge konnten in Österreich überleben. Den hervorragendsten Anteil an der Erwirkung des Asyls, der Unterbringung und Betreuung dieser Flüchtlinge hatte die österreichische Chile-Solidaritätsfront.
Der ehemalige Vorsitzende der Chile-Solidaritätsfront, Herbert Berger, hat rechtzeitig zum dreißigjährigen Gedenken an diese tragischen Ereignisse ein Buch über die österreichische Chile-Solidaritätsfront veröffentlicht, in dem die Geschichte dieser in der Geschichte der Zweiten Republik einmaligen Organisation von ihrer Gründung 1973 bis zu ihrer Auflösung 1990 dargestellt wird.
In ihr spiegelt sich nicht nur das Engagement und die Mobilisierung zahlreicher Aktivisten einer weltweiten Solidaritätsbewegung mit den Verfolgten und dem chilenischen Volk, sondern unter den spezifischen österreichischen Bedingungen die Möglichkeit und Wirksamkeit eines stabilen Zusammenwirkens von KommunistInnen, SozialistInnen und christlichen Gruppen für antifaschistische und antiimperialistische Solidarität, einer Bündnisstruktur, die auf neuartige Weise erst wieder in der globalisierungskritischen Bewegung als Massenbewegung wirksam geworden ist.
Herbert Berger, der selbst zur Zeit der Regierung Allendes als christlicher Missionar und Entwicklungshelfer in Chile war und nach dem Putsch in die österreichische Botschaft flüchten musste, zeichnet diese Zusammenarbeit, aber auch ihre Widersprüche nach. Die Vertreter der Sozialisten konnten erst nach einem schweren Konflikt mit der SPÖ- Parteiführung in der Chile-Solidaritätsfront mit den Vertretern der KPÖ mitwirken. Das strikte Verbot der Zusammenarbeit auf der Grundlage der "Eisenstädter Erklärung" Kreiskys von 1967 wurde schließlich in eine Duldung der Zusammenarbeit in "humanitären und kulturellen Anliegen" umgewandelt.
Immerhin gehörten dem Vorstand der Chile-Solidaritätsfront nicht nur Vertreter des ZK der KPÖ und der kommunistischen Jugend- und Studenten an, sondern auch heute so illustre Namen wie Michael Häupl (damals Junge Generation) und Werner Faymann (Sozialistische Jugend).
Die Aktivitäten der Chile-Solidaritätsfront entwickelten sich in alle Richtungen einer umfassend politisch verstandenen Solidaritätsarbeit. Deren Auflistung umfassen in Herbert Bergers Buch immerhin 25 Seiten. Sie erreichten schließlich eine Wirksamkeit, dass sie auch in die österreichische Innenpolitik eingreifen konnte. Den größten Erfolg verzeichnete die Chile-Solidaritätsfront in dieser Hinsicht 1980 in der Verhinderung des von der Regierung Kreisky bereits genehmigten Panzerexports ins Chile Pinochets.
Herbert Berger fasst sein Resümee im Vorwort seines Buches zusammen: "Chile war das erste Land des Neoliberalismus, er wurde unter den Verhältnissen der Pinochetdiktatur der Bevölkerung aufgezwungen. So brachte das Ende der Diktatur zwar eine formale Demokratie, aber die "soziale Schuld", von der nach der ersten demokratischen Wahl die Rede war, wurde bis heute nicht eingelöst. Die Verbrechen der Diktatur sind weitgehend ungeklärt und nach wie vor straffrei geblieben.
Dennoch, der Kampf des chilenischen Volkes und die Solidaritätsarbeit mit Chile waren erfolgreich, die Diktatur musste aufgeben. Und diesen Erfolg dürfen wir trotz der heute gegebenen globalen neoliberalen Unterdrückung und Ausbeutung mit völlig anderen Methoden nicht klein reden... Der Kampf des chilenischen Volkes und die Solidaritätsarbeit mit Chile sind heute rückblickend ein wichtiges Beispiel für das, was das "pueblo unido" imstande ist, was organisierte und gemeinsam agierende Menschen erreichen können. Der Erfolg dieser gemeinsamen politischen Arbeit gibt uns, ebenso wie viele andere Entwürfe, Aktionen und Bewegungen, die Hoffnung, die heute durch den Neoliberalismus gegebenen Herausforderungen einmal bestehen zu können."
Herbert Berger ist es gelungen ein Stück Geschichte des "anderen Österreich" zu schreiben. Sein sachlicher und faktenreicher Bericht ist letztlich auch eine Würdigung des hervorragenden Anteils der KommunistInnen daran. Das Buch ist Josef Hindels und Bruno Furch gewidmet, die seine Stellvertreter im Vorsitz der Chile-Solidaritätsfront waren.

Michael Graber

Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, Nr. 4/2003

 

Zurück Home Nach oben Weiter