Klahr    Alfred Klahr Gesellschaft

Verein zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung

Drechslergasse 42, A–1140 Wien

Tel.: (+43–1) 982 10 86, E-Mail: klahr.gesellschaft@aon.at


 

Home
AKG
Veranstaltungen
Mitteilungen
Publikationen
Geschichte
Links

 

Beppo Beyerl, Die Benes-Dekrete. Zwischen tschechischer Identität und deutscher Begehrlichkeit, Wien: Promedia 2002, 134 S.
Barbara Coudenhove-Kalergi/Oliver Rathkolb (Hrsg.), Die Benes-Dekrete, Wien: Czernin Verlag 2002, 223 S.

Im Juni 2002 hielt das Demokratiezentrum in Wien ein Symposium zum Thema “Sudetenfrage und Benes-Dekrete im historischen und aktuellen Kontext” ab. Ebenfalls im Juni 2002 schrieb der österreichische freie Autor Beppo Beyerl das Vorwort zu seinem Manuskript, das anschließend in Druck ging. Beides geschah zu einem Zeitpunkt, als die Kampagne in Deutschland und Österreich gegen die Tschechische Republik mit der Forderung nach Aufhebung der Benes-Dekrete ihren Gipfel erreichte. Am 19. Mai 2002 hatte der bayrische Ministerpräsident und Kanzlerkandidat der CDU/CSU, Edmund Stoiber, in seiner Rede vor dem 53. Sudetendeutschen Tag in Nürnberg verkündet, dass “jene Benes-Dekrete, die die Vertreibung der Sudetendeutschen betreffen, aufgehoben und aus der Welt geschafft” werden müssen, weil sie “der europäischen Rechts- und Werteordnung widersprechen” und “für eine Europäische Union untragbar” seien. Auf der Leserbriefseite der “Kronen-Zeitung” wurde, emotionalisiert durch Schilderungen tschechischer Gräueltaten, tagtäglich in diesem Sinne getrommelt. Die Veröffentlichungen von Coudenhove-Kalergi/Rathkolb und Beyerl können das Verdienst für sich beanspruchen, durch das Bemühen um eine ganzheitliche Betrachtung der Ursache- und Folgewirkungen des Verhältnisses zwischen Tschechen und Deutschen im 20. Jahrhundert einige Klarstellungen in die Diskussion um die Benes-Dekrete eingebracht zu haben.

Das Buch von Coudenhove-Kalergi/Rathkolb ist eine Sammlung von Beiträgen, teils der Referate auf dem Demokratiezentrum-Symposium, teils anderer Artikel, Zeitzeugenberichte und Nachdrucke älterer Publikationen (so etwa vom tschechischen Staatspräsidenten Václav Havel). Ihre Qualität ist unterschiedlich, und man merkt dem Sammelband an, dass er, um in der aktuellen Debatte präsent zu sein, sehr rasch zum Druck befördert wurde. Neben gehaltvollen Artikeln österreichischer, tschechischer, ungarischer, deutscher, französischer und amerikanischer HistorikerInnen und einem ausgewogenen – vielleicht zu ausgewogenen – Beitrag von Barbara Coudenhove-Kalergi stehen solche, deren Notwendigkeit der Aufnahme zweifelhaft erscheint. Zu den interessantesten Stücken zählt ein Kapitel aus den 1947 in Prag erschienenen Erinnerungen von Edvard Benes, in dem er seine Gespräche und Verhandlungen mit dem Führer der sudetendeutschen Sozialdemokratie im Exil, Wenzel Jaksch, sowie mit Churchill, Roosevelt und Stalin während des zweiten Weltkrieges über die Zukunft der Tschechoslowakei schildert. Bisher nur in tschechischer Sprache vorliegend, hat Barbara Coudenhove-Kalergi diesen Abschnitt für den Sammelband übersetzt. Nützlich für Zwecke allgemeiner Information ist die dem Buch beigefügte Chronologie von 1867 bis 2002 sowie ein Glossar mit Stichworten wie “Münchener Abkommen”, “Lidice”, “Kaschauer Programm” und “Prager Aufstand”.

Beppo Beyerls Publikation hat demgegenüber den Vorteil, aus einem Guss geschrieben zu sein und die historischen Zusammenhänge, beginnend mit dem Jahr 1918, in der nötigen logischen Struktur darzustellen. Er greift das von den Sudetendeutschen Landsmannschaften verbreitete Geschichtsbild scharf an und legt die tatsächlichen Verhältnisse in der Zeit der Tschechoslowakischen Republik bis 1938 sowie in der Periode des “Reichsprotektorats Böhmen und Mähren” offen. In der Frage der Aufhebung der Benes-Dekrete vertritt Beyerl den Standpunkt, dass eine solche Maßnahme seitens Tschechiens kontraproduktiv wirken würde, und schreibt: “Vielen geht es jedoch gar nicht um die alten Höfe, zu denen die Kindeskinder der damals Vertriebenen wohl überhaupt keinen Bezug mehr haben. Vielen – etwa Politikern der FPÖ in Österreich, aber auch rechten CSU-Repräsentanten in Deutschland – geht es um antitschechische Maßnahmen im Rahmen ihres Volkstumskampfes: Der deutsche Recke bezieht mit stolzer Brust seine Stellung, schaut ein wenig verächtlich über die Grenze hinüber und schafft mit gewohnter Kommandostimme an. Die Tschechen müssen Temelin abschalten. Die Tschechen müssen die Benes-Dekrete aufheben. Die Tschechen müssen zweisprachige Ortstafeln aufstellen...”

Die Intention beider Bücher hat schon kurz nach ihrem Erscheinen, freilich durch ein anderes Ereignis, Bestätigung gefunden: durch das vom Europäischen Parlament in Auftrag gegebene Frowein-Gutachten, in dem der deutsche Völkerrechtsexperte zur Schlussfolgerung kam, dass das EU-Recht keine Anhaltspunkte bietet, um von Tschechien anlässlich seines EU-Beitritts eine Aufhebung oder Änderung seiner Gesetze, und damit auch der Benes-Dekrete, zu fordern. Seither ist die Diskussion um diese Frage in Deutschland und Österreich schlagartig abgeflaut. Die “elastische” Gruppe des deutschen und österreichischen Großkapitals, für die Tschechien als Objekt ökonomischer Interessen viel zu wichtig und interessant ist, um es durch einseitige Solidarisierung mit den lärmend-ultimativen Kundgebungen der Sudetendeutschen Landsmannschaften oder von Parteien wie der FPÖ zu verprellen, hat sich durchgesetzt.

Hans Hautmann

Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, Nr. 1/2003

 

Zurück Home Nach oben Weiter