Klahr    Alfred Klahr Gesellschaft

Verein zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung

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Vida Obid, Mirko Messner, Andrej Leben: Haiders Exerzierfeld. Kärntens SlowenInnen in der deutschen Volksgemeinschaft. Wien: Promedia 2002

Im April 1999 wurde die FPÖ mit 42,1% in Kärnten zur stärksten Partei, was Jörg Haider ermöglichte, zum zweiten Mal nach 1989 Landeshauptmann zu werden. Ein halbes Jahr später kam es zu jener Nationalratswahl, deren Ergebnis all jenen ÖsterreicherInnen bis heute die Schamröte ins Gesicht treiben muss, die nicht dem „bodenständigen“ Patriotismus huldigen, wie er uns auf der Leserbriefseite der „Kronen-Zeitung“ tagtäglich entgegentritt, und in deren Gefolge die schwarzblaue Bürgerblock-Regierung installiert wurde. Seither können die Lohnabhängigen, Sozialversicherten, Rentner, Pensionisten usw. bis hin zu den Studierenden und Universitätsangehörigen verspüren, was „neoliberale Wende“ bedeutet. Zu den Bereichen, in denen sie auf spezifische Weise sichtbar wird, gehört auch die Minderheitenpolitik. Mit ihr als „vorbildlicher Lösung“ brüstet sich zwar die Bundesregierung europaweit, nachdem sie den Volksgruppenschutz als Staatszielbestimmung verankerte; der jüngste Ortstafelkonflikt in Kärnten, der durch die vom Verfassungsgerichtshof verfügte Aufhebung der Ortstafelregelung im Volksgruppengesetz entfacht wurde, zeigt aber ein anderes Bild. Das vorliegende Buch von Vida Obid, Mirko Messner und Andrej Leben gibt dazu sehr wichtige und aufschlussreiche Informationen. Die AutorInnen beleuchten darin die historische Entwicklung der SlowenInnen in Kärnten seit 1848 ebenso wie die deutschnationalen Aktivitäten, die sich in Entscheidungen der Landes- und Bundespolitik widerspiegeln. Ihre Bilanz fällt vernichtend aus. Sie charakterisieren Kärnten als Land, in dem Jörg Haider eine für seine Bedürfnisse ideal vorbereitete Umgebung vorfindet: „eine Zivilgesellschaft, in der die antislawische bzw. antislowenische Orientierung ungebrochen als identitäts- und volksgemeinschaftsstiftender Faktor wirksam ist; ein von Grenzland- und Expansionsfantasien sowie Minderwertigkeitskomplexen geplagtes Bürgertum, das auf Grund deutschnationaler Aggressivität nie kosmopolitisch werden konnte oder wollte; eine nicht nur von sozialpartnerschaftlicher Disziplin, sondern auch von deutschnational orientierten, minderheitenfeindlichen Parteiführern gelähmte Arbeiterbewegung; (...) eine unglaublich dichte heimatdienstliche Vereinsstruktur, die wesentliche Elemente des völkischen Erbes so sehr verinnerlicht hat, dass sie zu ihrer Indentität geworden sind;“ und „eine slowenische minderheitenpolitische Struktur, die (...) heute so schwach ist, dass sie als willige und sehr billige Kooperationspartnerin in Haiders Strategie eingebunden werden kann.“
Von besonderem Wert ist der Abschnitt über die „deutschnationale Hegemonie als Herrschaftsprinzip in Kärnten“, in dem an Hand zahlreicher Zitate teilweise haarsträubenden Inhalts die ungebrochene Kontinuität einer antislawisch-völkischen Ideologie von der Monarchie bis in die Gegenwart aufgezeigt wird. Die AutorInnen kommen zum Schluss, dass „nur ein radikaler Bruch möglichst breiter gesellschaftlicher Kräfte mit den Regeln des nationalistischen Exerzierfelds in Kärnten dieses veröden lassen kann.“ Eine Chance für positive Auswirkungen auf die Kärntner Zivilgesellschaft sehen sie in der EU-Integration Sloweniens, weil hier der Antifaschismus für viele Menschen „in unvergleichlich höherem Maße als in den Gefilden nördlich der Karawanken identitätsbildend war und ist“, sowie in einer Neuorientierung der Organisationen der slowenischen Minderheit weg vom klassischen Ethnozentrismus und patriarchalischen Gefolgschaftsprinzip hin zu einer emanzipatorischen Perspektive, „die in der Lage sein wird, die antifaschistische Seele des slowenischen Widerstands im menschenrechtlichen, frauenpolitischen und sozialen Diskurs aufzuheben.“
Die Alfred Klahr Gesellschaft wird am 19. Oktober 2002 in 1090 Wien, Maria-Theresien-Straße 11, anlässlich des „Ortstafelsturms 1972“ vor dreißig Jahren ein Symposium veranstalten. Vida Obids, Mirko Messners und Andrej Lebens Buch kommt daher für alle, die sich über diese Fragen orientieren wollen, zur rechten Zeit.

Hans Hautmann

Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, Nr. 2/2002

 

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