Klahr    Alfred Klahr Gesellschaft

Verein zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung

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Heinrich Lammasch und die Neutralität Österreichs

Auch für die künftige Rolle und Entwicklung der österreichischen Neutralität ist die Frage nach ihren Wurzeln in der jüngeren österreichischen Geschichte von besonderer Bedeutung. Entscheidend ist vor allem die Frage, ob diese von der österreichischen Republik 1955 gewählte und angenommene außenpolitische Lebensform lediglich ein Geschöpf des Kalten Krieges war, oder ob sich in ihr nicht Entwicklungslinien und Zielvorstellungen widerspiegeln, die sich auch schon in früheren Perioden österreichischer Geschichte, natürlich vor allem des 1918 entstandenen mitteleuropäischen Kleinstaates finden. Auf diese Fragen geben Werk und Politik Heinrich Lammasch wichtige Antworten. Darin führt nämlich eine gerade Linie von der von ihm auch schon in verschiedenen früheren Funktionen – vor allem als Vorsitzender des Haager Internationalen Schiedsgerichts aber auch als Delegierter zu den Haager Friedenskonferenzen – immer wieder vertretenen Friedenspolitik zu seiner daraus abgeleiteten Schlussfolgerung für einen neutralen Status der neuen österreichischen Republik, die er in St. Germain und bei Missionen in Bern 1919 vertreten wird. Gerade aus der Ideenwelt Heinrich Lammasch wird so die enge Verbindung zwischen Neutralitätspolitik und Friedenspolitik deutlich, ein Auftrag, der ja dann später in die Außenpolitik der 2. österreichischen Republik beginnend vor allem in den Jahren Bruno Kreiskys Eingang finden wird.
Die Bedeutung dieser Einsichten wird sicher nicht dadurch geschmälert, dass seine Zeitgenossen und viele ihrer Nachfahren die Bedeutung von Neutralität und Friedenspolitik als Existenzgrundlage eines unabhängigen und selbstbestimmten Österreich nicht erkennen wollten oder dass eben ein neutrales Österreich in bestimmten Phasen der europäischen Politik anderen Mächten – nach 1918 etwa Frankreich, nach 1945 der UdSSR – in ihr jeweiliges Konzept zu passen schien.
Gerade auch ein heutiger Blick auf Heinrich Lammasch zeigt dann aber auch, dass Friedenspolitik, wie von ihm verstanden und – mit den Mitteln seiner Zeit – praktiziert, keineswegs an bestimmte Phasen der europäischen- oder Weltpolitik gebunden ist, sondern ein weit darüber hinausreichendes Konzept darstellt, das auch in Zukunft Bedeutendes für das außenpolitische Profil eines mitteleuropäischen Kleinstaates leisten kann.

Dr. Peter Jankowitsch, Bundesminister a. D.

Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, Nr. 3/2005

 

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