Klahr    Alfred Klahr Gesellschaft

Verein zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung

Drechslergasse 42, A–1140 Wien

Tel.: (+43–1) 982 10 86, E-Mail: klahr.gesellschaft@aon.at


 

Home
AKG
Veranstaltungen
Mitteilungen
Publikationen
Geschichte
Links

 

Michael Kraßnitzer: Widerstand in Hietzing. Freiheitskampf 1934–1938 und 1938–1945 am Beispiel eines Wiener Bezirks. Wien: Verband Wiener Volksbildung 2004 (Edition Volkshochschule), 246 S., 18 Euro

Die Geschichte der Widerstandsforschung in Österreich ist untrennbar mit der Tätigkeit der Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW) verbunden. Erste wissenschaftliche Dokumentationen zum Thema, d. h. Editionen ausgewählter und gekürzter Dokumente, legte das DÖW mit den 1970 begonnenen Arbeiten im Rahmen des Projekts „Widerstand und Verfolgung in Wien 1934-1945“ vor, welches inzwischen – bis auf Kärnten und Vorarlberg – auf alle anderen Bundesländer ausgedehnt wurde.
Das DÖW schloss in seinen Arbeiten keine politische Gruppierung aus und interpretierte, gemäß der bekannten Definition von Karl R. Stadler, den Begriff des „Widerstandes“ sehr breit, wodurch völlig neue Bereiche des Resistenzverhaltens erschlossen wurden.1
Neben der Tätigkeit der MitarbeiterInnen des DÖW waren es vor allem die Pioniere der österreichischen Widerstandsforschung Karl R. Stadler und Ludwig Jedlicka sowie die Universitätsinstitute für Zeitgeschichte, die maßgeblich zu diesem Themenbereich publizierten.
Die bisher umfassendste Studie über den österreichischen Widerstand erschien 1985 von Radomir Luza2, der sich allerdings auf den politisch organisierten Widerstand beschränkte. Er wertete die vorhandenen Quellen und die vorliegende Literatur nahezu restlos aus und veröffentlichte erstmals eine quantitative Analyse des Quellenmaterials mit Hilfe der EDV. 
Trotz der zahlreichen Regional- und Bundesländerstudien nebst umfassenden Darstellungen und Analysen zu Widerstand und Verfolgung ist es allerdings bis heute nicht gelungen, eine quantitative Gesamtberechnung der am Widerstand beteiligten ÖsterreicherInnen vorzulegen. Deren namentliche Erfassung ist Gegenstand eines zur Zeit laufenden Großprojekts des DÖW.3
Wie Wolfgang Neugebauer in der Neuauflage des Sammelbandes „NS-Herrschaft in Österreich“ feststellte4, stagniert die Widerstandsforschung – bis auf einige wenige Arbeiten – seit dem Paradigmenwechsel im Zuge der so genannten „Waldheim-Diskussion“. Das zeitgeschichtliche Forschungsinteresse der 1990er Jahre verlagerte sich in Richtung Holocaust, KZ-Forschung, NS-Medizin und Euthanasie, Verbrechen der Deutschen Wehrmacht, „Umgang“ der österreichischen Nachkriegsgesellschaft und im Speziellen der Justiz mit NS-Verbrechern und den in das NS-Regime involvierten österreichischen Tätern, Gedenkkultur und Erinnerungspolitik sowie „Wiedergutmachung“ an ZwangsarbeiterInnen, Jüdinnen und Juden und der damit verbundenen Frage der „Arisierungen“, des Kunstraubes und möglichen Restitutionen.
Umso erfreulicher ist es, dass der Wiener Journalist und Autor Michael Kraßnitzer kürzlich eine Regionalstudie zum „Widerstand in Hietzing“, also im 13. Wiener Gemeindebezirk, veröffentlichte. Ausgangspunkt war eine 2002 präsentierte gleichnamige Ausstellung der Volkshochschule Hietzing, der ein Forschungsprojekt folgte, als deren Ergebnis der Autor nicht nur die Dokumentation sondern auch eine CD-ROM vorlegte.
Dem breiten Stadler’schen Widerstandsbegriff folgend beschreibt der Autor in einem flüssigen, nicht nur für ein wissenschaftliches Publikum geeigneten Schreibstil individuelles Resistenzverhalten, betrachtet sehr kritisch Vertreter von militärischen Widerstandshandlungen und präsentiert Beispiele des katholisch-konservativen sowie des legitimistischen Widerstandes.
Den überwiegenden Anteil der Arbeit nimmt der der Arbeiterbewegung zuzurechnende Widerstand ein. Neben jeweils einem einleitenden Überblick beschreibt Kraßnitzer Lebensgeschichten von neun SozialdemokratInnen (z.B. Karl Münichreiter, Heinrich Seinitz sowie Otto und Käthe Leichter) und acht KommunistInnen (z. B. Hedy Urach und Ernst Burian), die einen Bezug zu Hietzing haben.
Als Quellengrundlage dienten für den sozialdemokratischen Widerstand hauptsächlich auszugsweise Aktenkopien des DÖW (wobei nicht immer deren Entstehungszusammenhang ersichtlich ist) von unzähligen Prozessen des Volksgerichtshofes, des Oberlandesgerichts Wien und der Sondergerichte, aus denen die Biografien rekonstruiert werden konnten. 
Für den kommunistischen Widerstand konnte Michael Kraßnitzer auf zahlreiches von der Alfred Klahr Gesellschaft zur Verfügung gestelltes Quellenmaterial zurückgreifen, deren wertvolle Unterstützung seiner Arbeit der Autor mehrfach betont (S. 89, 90, 235).
Wie aus der Dokumentation ersichtlich ist, schlossen sich in vielen Fällen SozialdemokratInnen – insbesondere nach den für sie enttäuschenden Erfahrungen im Zuge des Februar 1934 – der kommunistischen Bewegung an. Der Autor zitiert daher völlig richtig sowohl die DÖW-Publikation „Widerstand und Verfolgung in Wien“ („Der Widerstand der österreichischen Kommunisten gegen den Nationalsozialismus war [...] zahlenmäßig der weitaus stärkste von allen politischen Gruppen“5) als auch die 1997 von der Alfred Klahr Gesellschaft herausgegebene Broschüre „Ich möchte, dass sie Euch alle immer nahe bleiben...“: „Die österreichischen Kommunisten waren das Rückgrat des Widerstandes.“6
Ihr Ziel war die Wiederherstellung eines freien und demokratischen Österreich, dem sie in unzähligen Fällen ihr Leben opferten. Ihre Handlungen waren dazu angetan, einen wertvollen Beitrag zur Identitätsbildung der österreichischen Nachkriegsgesellschaft zu leisten. Leider ist dieses Identitätsangebot in der Zeit, als der „Opfermythos“ im Vordergrund stand, viel zu wenig aufgegriffen und die Würdigung des österreichischen Widerstandskampfes – trotz ihrer wissenschaftlichen Aufarbeitung in den 1960er bis 80er Jahren – immer mehr in den Hintergrund gedrängt worden. Das Buch von Michael Kraßnitzer, für das er den „Theodor-Körner-Preis“ der Arbeiterkammer Wien erhielt, ist eine wichtige Publikation, um ihr Andenken auch in Zukunft zu bewahren.

Claudia Kuretsidis-Haider

1/ „Angesichts des totalen Gehorsamkeitsanspruches der Machthaber und der auf seine Verletzung drohenden Sanktionen muss jegliche Opposition im Dritten Reich als Widerstandshandlung gewertet werden, auch wenn es sich um einen vereinzelten Versuch handelt, ‚anständig zu bleiben‘.“, in: Karl R. Stadler, Österreich 1938–1945 im Spiegel der NS-Akten. Sammlung „Das einsame Gewissen“, Wien, 1966, S. 11.
2/ Radomir Luza, Der Widerstand in Österreich 1938-1945, Wien, 1985.
3/ www.doew.at/projekte/wuv/opfer_erfass.html (download: 11.5.2004)
4/ Wolfgang Neugebauer, Widerstand und Opposition, in: Emmerich Talos – Ernst Hanisch – Wolfgang Neugebauer – Reinhard Sieder (Hrsg.), NS-Herrschaft in Österreich. Ein Handbuch, Wien 2000, S. 187-212, hier S. 188.
5/ Widerstand und Verfolgung in Wien (hrsg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes), Band 2, Wien 19842, S. 79.
6/ „Ich möchte, dass sie Euch alle immer nahe bleiben...“. Biografien kommunistischer WiderstandskämpferInnen in Österreich, hg. von der Alfred Klahr Gesellschaft, Wien 1997, S. 9.

Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, Nr. 2/2004

 

Zurück Home Nach oben Weiter