Klahr    Alfred Klahr Gesellschaft

Verein zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung

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Upton Sinclair, Wieland Herzfelde, Hermynia Zur Mühlen: Werte Genosse, die Maliks haben beschlossen... Briefe 1919-1950. Hg. und Nachwort: Walter Grünzweig und Susanne Schulz. Bonn: Weidle Verlag 2001.

Einen Einblick in mehr als 30 Jahre Zeitgeschichte gewährt der Briefwechsel des US-amerikanischen Autors Upton Sinclairs mit seiner Übersetzerin Hermynia Zur Mühlen und dem Malik-Verleger Wieland Herzfelde - einen Einblick, welcher politische und soziale Entwicklungen in Europa denen in den USA gegenüberhält, Fragestellungen marxistischer Kunsttheorie aufwirft und Debatten zwischen der US-amerikanischen und der europäischen Linken beleuchtet, die an bis heute relevante Konfliktlinien heranreichen.
Der dem österreichischen Hochadel entflohenen Zur Mühlen verdankte Sinclair seine große Popularität und die weite Verbreitung seiner Werke im deutschsprachigen Raum. Umso erstaunlicher ist es, wie schnell die Zusammenarbeit nach einigen Differenzen beendet wurde. Die unmittelbare Ursache der Ablöse Hermynia Zur Mühlens als Übersetzerin Sinclairs - ihre „unbefriedigende“ Übersetzungsarbeit - muss in einen Zusammenhang mit tieferliegenden Differenzen hinsichtlich kulturpolitischer Strategien gestellt werden. Denn politische Debatten durchziehen den gesamten Briefwechsel und stellen - neben den Einblicken in die Malik-Verlagsgeschichte vor allem in der Zeit des Exils - dessen interessantesten Aspekt dar; zurückzuführen sind die teils stark divergierenden Ansichten auf die unterschiedlichen politischen Voraussetzungen der Beteiligten und die voneinander abweichenden Vorstellungen hinsichtlich der Ziele ihrer literarischen Arbeit. Hermynia Zur Mühlen und Wieland Herzfelde fühlen sich ausschließlich der kommunistischen Bewegung verpflichtet; für Zur Mühlen bedeutet dies eine Unterordnung all ihres Schaffens unter das Ziel eines möglichst großen propagandistischen Effekts - und eben auch eine gewisse Großzügigkeit hinsichtlich der Authentizität der Übersetzungen.
Sinclair, welcher sich selbst als eine dieser „old-fashioned persons“ (S. 151) bezeichnet, die immer noch an die unblutige Reformierbarkeit des Kapitalismus glauben, widmet einen nicht unbedeutenden Teil seiner Arbeit nicht der Aufklärung der Arbeiterklasse, sondern didaktischer Überzeugungsarbeit in bürgerlichen Kreisen. Ein großer Teil der Verständnisschwierigkeiten beruht auf den unterschiedlichen Traditionen, in denen die US-Linke und die deutsche kommunistische Bewegung stehen. Dies betrifft organisationsgeschichtliche wie geistesgeschichtliche Voraussetzungen; Herzfelde ortet die Ursachen der Differenzen darin, dass sich bei diesen Debatten „angelsächsisch-puritanische Gedankengänge mit marxistisch-atheistischen Gedankengängen kreuzen“ (S. 158). So bleiben für Upton Sinclair die Ausprägungen der Fraktionskämpfe innerhalb der deutschen Linken und die in diesem Kontext stehenden Vereinnahmungsversuche seines Namens nur schwer nachvollziehbar, während wiederum sein pragmatisches Politikverständnis bei den KommunistInnen diesseits des Atlantiks oft Kopfschütteln über soviel vermeintliche Inkonsequenz hervorrief. Vor allem Sinclairs Wahlkampf für den kalifornischen Gouverneursposten 1934 als Kandidat der Demokraten hatte - vor dem Hintergrund der blutigen Klassenauseinandersetzungen in dieser Zeit, nicht zuletzt auch in Österreich - große Sympathieverluste in seiner deutschsprachigen LeserInnenschaft zur Folge.
Spätestens seit der letzten Station seines Exils, welches ihn zunächst nach Prag und London und schließlich nach New York führte, konnte Herzfelde nur mehr wenig für Sinclair tun. Zwar gab er seine Verleger-Tätigkeit zu keinem Zeitpunkt auf, aber der Absatz linker deutschsprachiger Literatur gestaltete sich äußerst schwierig. Zudem waren die Möglichkeiten für Herzfelde, der sowohl bei seiner Flucht aus Berlin, als auch aus Prag alles Hab und Gut zurücklassen hatte müssen, äußerst gering. Nach 1945 endet die Zusammenarbeit schließlich vollständig, und genauso schnell wie nach dem Ende der Übersetzertätigkeit Zur Mühlens versickerte auch der Briefwechsel der zuvor so vertraut diskutierenden Genossen sehr bald.

Simon Loidl

Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, Nr. 1/2002

 

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