Klahr    Alfred Klahr Gesellschaft

Verein zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung

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Walter Schuster/Wolfgang Weber (Hg.), Entnazifizierung im regionalen Vergleich (Historisches Jahrbuch der Stadt Linz 2002), Linz 2004, 726 S., 29 Euro

Der vorliegende Sammelband – der fünfte einer Publikationsreihe des Archivs der Stadt Linz zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Oberösterreich – beschäftigt sich primär mit Formen und Vorgangsweise der (bürokratischen) Entnazifizierung in Österreich und den angrenzenden süddeutschen Ländern Bayern, Baden und Württemberg-Hohenzollern in den Jahren 1945 bis 1948. 
Seit der 1981 von Dieter Stiefel verfassten Monografie „Entnazifizierung in Österreich“ und dem Sammelband aus dem Jahr 1986 „Verdrängte Schuld, Verfehlte Sühne. Entnazifizierung in Österreich 1945–1955“ gibt es nur wenige Forschungen über die bürokratischen Entnazifizierung. Zudem waren in den 1980er Jahren aufgrund der damals geltenden Archivsperren umfangreiche Archivalien im Österreichischen Staatsarchiv und in den Landesarchiven nur teilweise oder gar nicht zugänglich. Schwerpunkte der einzelnen Beiträge des Sammelbandes bilden daher nicht nur die Erforschung des Prozesses der Entnazifizierung unter regionalen Gegebenheiten – für manche Bundesländer sind dies sogar erste Forschungsberichte – sondern auch die Nennung und Beschreibung von Quellen für künftige Forschungsvorhaben in diversen National- und Landesarchiven in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Österreich, den USA und Russland.
In Österreich wurden für die Entnazifizierung Bundesgesetze geschaffen; in den süddeutschen Ländern erließen die Länder und die französische bzw. amerikanische Besatzungsmacht Gesetze. Im ersten Teil des Sammelbandes werden die unterschiedlichen Situationen in den Bundesländern unmittelbar nach der Besetzung und die jeweiligen Entnazifizierungsmaßnahmen beleuchtet (Beiträge von Wolfgang Weber, Wilfried Beimrohr, Oskar Dohle, Walter Schuster, Elisabeth Schöggl-Ernst, Wilhelm Wadl, Klaus-Dieter Mulley, Gerhard Baumgartner, Brigitte Rigele und Bernd Vogel). Die statistischen Auswertungen der die Entnazifizierung betreffenden Registrierungsakten in den einzelnen Regionen und die quantitative In-Beziehung-Setzung der unter die Entnazifizierungsbestimmungen fallenden Personen zur Gesamtbevölkerung verdeutlichen Ausmaß und Umfang der Entnazifizierung. Sie geben aber auch einen Eindruck davon, welche Konsequenzen – wären die Entnazifizierungsbestimmungen rigoros angewandt worden – dies für die Nachkriegsgesellschaft nach sich gezogen hätten. Hiezu wären allerdings tiefergehende Forschungen notwendig, zu denen dieser Sammelband Ausgangspunkte bietet.
Der Sammelband veranschaulicht sowohl die Erfolge als auch das Scheitern der Entnazifizierung: Durch die Registrierung der Nazis gelang es, NS-Eliten und Mitglieder namhaft zu machen. Allerdings bedingten die berufliche Qualifikation und der zumeist hohe soziale Status der NS-Eliten, dass diese bald wieder in die Nachkriegsgesellschaft re-integriert wurden. Anhand zahlreicher Beispiele zeigen die AutorInnen, dass eine „moderate Haltung,“ von Bevölkerung und Wirtschaft gefordert und der Politik schließlich umgesetzt, eingenommen wurde. Die „wirtschaftliche Vernunft“ und das Credo des Wiederaufbaus siegten schließlich über das demokratische Erfordernis der Entnazifizierung. Interessant ist aber auch, dass der Sammelband auf die Nazifizierung der Regionen und Bundesländer während der NS-Zeit eingeht und somit die Bedingungen und Voraussetzungen für die Entnazifizierung darlegt. Beispielsweise zeigt Wilfried Beimrohr, dass in Tirol der Anteil der Registrierungspflichtigen zwar sehr hoch war, sich unter jenen aber nur wenige illegale Nazis befanden. Ursache dafür lag darin, dass aufgrund der „Politik der offenen Arme“ von Gauleiter Franz Hofer Tirol schließlich die größte Dichte an NSDAP-Mitgliedern aufwies, obwohl hier der Nationalsozialismus vor 1938 nur wenig verankert war (S. 98-116). Auch Salzburg weist einige Spezifika auf: Einerseits war Salzburg das einzige vollkommen unter amerikanischer Kontrolle stehende Bundesland, zum anderen gab es hier aufgrund der Nähe zum „Altreich“ viele Deutsche in der NS-Bürokratie. Da die Entnazifizierung auch eine „Entpreußung“ beinhaltete, verursachten diese Entlassungen eine Personalnot in der öffentlichen Verwaltung, die oftmals eine konsequente Säuberung verhinderte (S. 118-156). Bis Februar 1946 wurden in Kärnten 67 % der Beamten aufgrund ihrer NS-Vergangenheit aus dem Dienst der Landesregierung entlassen, was auch aus einem außenpolitischen Kalkül erfolgte – die jugoslawische Propaganda brandmarkte Österreich und v. a. Kärnten als Hort des Nazismus, um Forderungen bei den Staatsvertragsverhandlungen zu unterstützen. Wilhelm Wadl weist nach, dass sowohl SPÖ als auch ÖVP die Entnazifizierung in Kärnten mit Amnestie gleichsetzten (S. 257-259). Am Beispiel der Entnazifizierung in Niederösterreich verweist Klaus-Dieter Mulley u.a. auf eine sehr interessante, aber weitgehend unerforschte kulturgeschichtliche Fragestellung: Die Akten der Entnazifizierung sind bedeutsame sozial- kultur- und politikwissenschaftliche Quellen, die etwa „Identitätskonstruktionen“, welche sich Nationalsozialisten in den 1930er bis 50er Jahren bastelten, offen legen (S. 301). Evident wird dabei, dass entsprechende sozialhistorische Untersuchungen bislang ausstehen und beispielsweise die Personendaten der von der Entnazifizierung Betroffenen für eine sozialwissenschaftliche Untersuchung fruchtbar gemacht werden könnten. Doch TäterInnenforschung weist in Österreich immer noch krasse Leerstellen auf.
Der Sammelband skizziert des Weiteren die Entnazifizierungsmaßnahmen der Alliierten in Österreich und den süddeutschen Bundesländern (Beiträge von Kurt Tweraser, Siegfried Beer, Barbara Stelz-Marx, Jürgen Klöckler sowie Paul Hoser). Die AutorInnen beschreiben die unterschiedlichen Vorgangsweisen der Alliierten und deren Entnazifizierungskonzepte: Von der „auto-épuration“ der Franzosen unter Einbindung einheimischer Widerstandsgruppen über die sozialrevolutionären Konzepten der Briten und Amerikaner, die einen vollkommenen Elitenaustausch erreichen wollten, bis hin zu den sowjetischen Entnazifizierungsvorstellungen, die fast ausschließlich österreichische Behörden mit der Administration betrauten. Auffallend ist, dass die Alliierten in ihrer Entnazifizierungspolitik sehr deutlich zwischen Deutschland und Österreich unterschieden. 
Den letzten Teil des Sammelbandes bilden über das Kernthema der bürokratischen Entnazifizierung hinausgehende Beiträge. Interessant ist der Artikel von Winfried R. Garscha, der sich mit der bislang kaum untersuchten Rolle der Sicherheitsexekutive bei der Entnazifizierung beschäftigt. Er weist auf die Problematik hin, dass zahlreiche Bestände aus dem Innenministerium sowie Akten der Bundespolizeidirektion „in Verstoß geraten“ sind. Bis heute haben die zuständigen Behörden allerdings kein Interesse daran, die Rolle der Sicherheitsexekutive zu beleuchten, wie die Skizzierung eines – wenngleich vom damaligen Innenminister Löschnak im Jahr 1994 initiierten, dann aber aufgrund der mangelnden Kooperation der zuständigen Abteilungen – gescheiterten Projektes zeigt (S. 551-562). Claudia Kuretsidis-Haider beschreibt mit der Volksgerichtsbarkeit in Österreich zwischen 1945–1955 die justizielle Säule der Entnazifizierung. Sie war sie aber zugleich Teil der bürokratischen Entnazifizierung, zumal zahlreiche TäterInnen auch wegen des Formaldelikts der Illegalität oder des Registrierungsbetrugs (Falschangaben oder unterlassene Registrierung) verurteilt wurden. Besonders interessant ist die Auflistung und Kurzbeschreibung der 43 vor den Volksgerichten ergangenen Todesurteile gegen NS-Verbrecher (S. 569-579). Konstantin Putz berichtet exemplarisch anhand der EDV-mäßigen Erfassung der Akten des Volksgerichtes Linz im OÖ Landesarchiv über die Bedeutung der Gerichtsakten für die historische Forschung (S. 603-636). Der Beitrag von Marion Wisinger geht, basierend auf dem Broda-Nachlass, auf die (In-)Aktivität der österreichischen Justiz bei der Verfolgung der NS-Verbrecher in den 1960er und 70er Jahren ein und weist darauf hin, dass die Ursachen und Gründe für die faktische Einstellung der Verfolgung von NS-Straftaten in den 70er Jahren weitgehend im Dunkeln liegen (S. 637-50). Martin Polaschek beschreibt in seinem abschließenden Beitrag die rechtlichten Aspekte bei der Arbeit mit Entnazifizierungsakten und Datenschutzbestimmungen (S. 651-662) – und beinhaltet unabdingbares Wissen für jede/n Forscher/in, der/die sich mit diesem Thema beschäftigt. 
Wenngleich ein einführendes Kapitel über die strukturellen und gesetzlichen Voraussetzungen der Entnazifizierungsmaßnahmen die Übersicht erleichtern und ein Grundverständnis – besonders für den/die mit dem Thema nicht vertrauten LeserIn – erzeugen würde, bildet dieser Band ein Standardwerk zum Thema der politischen Säuberung nach 1945 in Österreich. Der Verdienst des Sammelbandes besteht zudem darin, eine Forschungslücke zu befüllen und zahlreiche Hinweise auf und Anregungen zu neuen Ansätzen bzw. weitergehenden Forschungen zu geben.

Sabine Loitfellner

Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, Nr. 3/2004

 

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