Klahr    Alfred Klahr Gesellschaft

Verein zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung

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Helmut Meier (Hrsg.): Leo Stern (1901-1982). Antifaschist, Historiker, Hochschullehrer und Wissenschaftspolitiker. trafo verlag Band 30. Berlin 2002 (Reihe "Gesellschaft – Geschichte – Gegenwart", Bd. 30)

Dem weiterführenden Titel sind noch zwei Elemente hinzuzufügen: Jude und Österreicher. Denn es sind gerade diese zwei in einander fließenden Elemente, die für das Leben von Leo Stern und seiner aus dem äußersten Rande der Monarchie herkommenden Familie im historischen Prozess seiner Zeit schicksalhaft geworden sind. Das aus Anlass des 100. Geburtstages von Leo Stern am 27. März 2001 in Halle/Saale in Anwesenheit seiner aus Wien stammenden Ehefrau Alice Stern - Melber veranstaltete Kolloquium nimmt darauf direkt und indirekt wiederholt Bezug, auch wenn die mit einer umfassenden, unter Pseudonyme geschriebene Artikel mit einschließende Bibliographie gedruckten Beiträge vor allem das Wirken von Leo Stern in der Deutschen Demokratischen Republik (seit 1950) von verschiedenen Seiten her nachzeichnen. Schwerpunkt der Publikation ist also das Wirken von Stern als marxistischer Historiker und seine Rolle als Wissenschaftsorganisator in der DDR. Speziell für die österreichischen Leser interessant sind jene Passagen des Buches, die auf Sterns Wirken in und für Österreich direkt oder indirekten Bezug nehmen und seine ausgeprägten Persönlichkeitszüge lebendig werden lassen. Biographische Notizen über Leo Stern, der nach seiner Demobilisierung als Oberstleutnant der Sowjetarmee im Oktober 1945 gerne in Wien geblieben wäre, und seinen als General Kleber unvergessenen heroischen Bruder Manfred Stern sind in diesen Mitteilungen (Nr. 1/1999 und Nr. 2/2001) schon annotiert und zur Diskussion gestellt worden. Wir können die Gelegenheit benützen, um nochmals auf die auch in diesem Buch offenkundig werdende Haltung von Leo Stern als Kommunist hinzuweisen: Durchhalten, dem Klassenfeind nicht in die Hände arbeiten. Obschon Familiemitglieder von ihm selbst inhaftiert und bedroht waren, ermöglichte Stern seine Konzentration auf das Wesentliche, Stalins Parteiführung mit der existentiellen Bedrohung der Sowjetunion und mit ihrer revolutionären Rolle in der Welt zu verknüpfen. Früh kritisierte Stern, wie in Anmerkungen dieses Buches gelegentlich deutlich wird, dass Parteiapparate, die im Krieg beste Kader verloren hatten, zur krebsartig wuchernden Kaste verkamen und sich auf den Marxismus nur noch wie Formelkram beriefen. Tatsächlich haben diese Parteicliquen gemeinsam mit verschiedenen, sich eine liberal-demokratische Attitüde gebenden Intellektuellenkategorien das katastrophale Ende des ersten Versuches der Menschheit, über die Barbarei hinauszukommen, mitzuverantworten – dies zum Unterschied von der fast dreißigjährigen Periode Stalins. In jenen verfaulenden Parteischichten sind Figuren wie Gorbatschow groß werden, die, wie Frösche aufgeblasen von den kapitalistischen Medien, die unmittelbaren politischen Voraussetzungen für die Gegenrevolution mit allen ihren verbrecherischen Ergebnissen geschaffen haben. Leo Stern hat dazu nicht mehr Stellung nehmen können. Aber der linke Theatermann Giorgio Strehler (1921-1997), der seine Heimatstadt Triest gerne mit der Heimat von Leo Stern, mit dem altösterreichischen Czernowitz verglich, meint 1990 in einem zu seinem fünften Todestag veröffentlichten Brief über Bertolt Brecht und das Berliner Ensemble: „Jahrzehnte wird es brauchen, und es wird sehr mutige Menschen brauchen, die ideologisch sicher, geduldig und unbeugsam sind, um das Bild des Sozialismus wieder zu rekonstruieren, so wie er immer hätte sein sollen, aber leider nicht war. Wehe aber, nachzugeben, wehe, zu versuchen, sich eine »Jungfräulichkeit« zu erobern, indem man Sprache und Schlagworte verwendet, die heute in Mode sind“ (junge Welt 24. 12. 2002). Nicht nur die altösterreichische Erinnerung ist Stern und Strehler gemeinsam, beide verbindet die scharfe Abgrenzung von den europäischen Sozialdemokraten: „Sie waren und sind Komplizen der Rechten, des entfesselten Kapitalismus, dem undemokratischsten und antikulturellen, den es gegeben hat“ – so formuliert nicht der Kommunist in finsteren Zeiten Leo Stern, sondern Giorgio Strehler. Lebensbeispiele und Denkwege wie von Leo Stern dürfen nicht der Vergessenheit anheim fallen, sie können in unserer Zeit, in der Menschen, die von einer Stunde zu anderen nach der Pfeife der politischen und ökonomischen Machthaber ihren Charakter wechseln, zum Nach-Denken Anlass geben.

Gerhard Oberkofler

Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, Nr. 1/2003

 

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