Klahr    Alfred Klahr Gesellschaft

Verein zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung

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Elke Renner: Viel Wut über die Moral. Reaktionen auf „Goldhagen II“

Weil Menschen moralische Urteile fällen und solche Urteile sich in Diskussionen über NS-Zeit und den Holocaust einschleichen, sollten wir mehrere Dinge offen eingestehen: Das moralische Urteilen – auch derjenigen Historiker, die solche Urteile abstreiten – ist bereits ein integraler Bestandteil unserer Konfrontation mit dieser Vergangenheit. Nicht dass wir urteilen, ist das Problem, sondern dass es uneinheitlich und klammheimlich geschehen ist. Das hat es jedoch nicht seiner Wirkung beraubt. Oft hat es seine Wirkung getan und die Wahrheit abgewehrt. Dabei könnten und sollten wir die moralische Prüfung zu einer geschätzten Tätigkeit machen, der wir uns auch dann widmen sollten, wenn wir keine gelernten Philosophen sind, ganz offen und gemeinsam und nach besten Kräften. Wir haben ein Recht zu urteilen.“
Daniel Jonah Goldhagen macht von diesem von ihm geforderten Recht Gebrauch. Die Frage „Was muss eine Religion der Liebe und Güte tun, um sich ihrer von Hass und Unrecht geprägten Vergangenheit zu stellen und Wiedergutmachung zu leisten?“ ist zentrales Anliegen seiner Untersuchungen über Schuld und Sühne der katholischen Kirche im Bezug auf den Holocaust. Er betont, dass es ihm nicht um Schuldzuweisungen an ein Kollektiv geht, er will an einem Modellfall die Legitimität moralischen Wertens und Richtens in der Geschichtsschreibung darlegen. Im ersten Teil des Buches beschäftigt er sich mit der Klärung des Verhaltens der katholischen Kirche gegenüber den Juden im Nationalsozialismus. Er beurteilt den Antisemitismus, den die Kirche in ganz Europa verbreitet hat, als eine notwendige, wenn auch keine ausreichende Bedingung für den Holocaust. Der in der Kirche tief verankerte christliche Antisemitismus ging weitgehend fließend in den rassistisch geprägten über. Das Eliminatorische ist in der Tradition der Verteufelung, Gettoisierung und Verfolgung der Juden angelegt, Juden und Kommunisten konnten im 20. Jahrhundert im Feindbild „jüdischer Kommunismus“ von Nationalsozialisten und Christen gemeinsam gehasst werden.
Ein großer Teil der Angriffe auf Goldhagen kommt von jenen, denen es um eine Rehabilitation von Papst Pius XII. geht, obwohl Goldhagen die Schuld des Papstes nicht als zentrales Thema behandelt. Es geht ihm um die Schuld aller Mächtigen in der Kirchenhierarchie, um ihre Beteiligung an dem NS-Mordsystem, ihre Feigheit und Verantwortungslosigkeit. Ausnahmen sieht er als Bestätigung dafür, dass es, hätte man den moralischen Anspruch der Kirche ernst genommen, die Möglichkeit gegeben hätte, für die Juden einzutreten. Das tat aber nur eine kleine Minderheit, sie kann die Schuld der Mehrheit nicht tilgen, auch wenn das in der Vergangenheitsbemäntelung oft versucht wird. Wenn Goldhagen die Schuld auch in Teilen der christlichen Lehre sieht, ist es nur folgerichtig, wenn er zu dem Schluss kommt, dass eine Kirche, die ihre Schuld bearbeitet, auch bestimmte Bibelstellen verändern und wirkungsvolle Maßnahmen gegen den Antisemitismus setzen müsste. Voraussetzung für eine moderne Kirche sind für ihn Demokratisierung und Öffnung. Ist es so naiv oder anmaßend, wie ihm oft vorgeworfen wird, wenn Goldhagen Toleranz fordert und Machtansprüche und Missionierungsdrang der katholischen Kirche ablehnt?
Die folgenden Ausführungen dieser Besprechung – gründend auf ca. 30 Rezensionen – beschäftigen sich mit einigen Aspekten der oft wütend negativen Beurteilungen des Buches. Als Kostprobe einige Überschriften: „Anleitung zur Hetzjagd“, „Der Inquisitor“, „Im Furor des Rechthabens“, „Jonah, der Wiedergutmacher“, „Viel Moral – wenig Geschichte“, „Absurde Idee“, „Die verbogene Moral: Goldhagens Polemik“ ... Auffällig ist, dass in den meisten negativen Besprechungen die Tatsachen, die Goldhagen anführt, nicht geleugnet werden können. Ein Beispiel aus Die Zeit: „Es stimmt schon, dass theologisch begründete Ausgrenzung und Demütigung von Juden dabei geholfen haben, den Boden für den Holocaust zu bereiten. Aber ob es 1941, 1942 oder 1943 nicht doch eher Feigheit als Religionsvorurteile gewesen sind, die Millionen von Christen dazu gebracht haben, ihre jüdischen Mitbürger in Stich zu lassen?“ Ein anderes Beispiel aus der Neuen Zürcher Zeitung: „Gewiss hat er Recht ...“ – und dann folgt eine Argumentationskette gegen Goldhagens Ausführungen. Auch Die Presse stimmt Goldhagens Grundthesen zu und kritisiert sogar die eklatanten Geschichtsklitterungen der katholischen Kirche. Allerdings folgt dem ein vehementer Angriff auf Goldhagens Sühneforderungen an die Kirche.
Ein vielfach eingebrachtes Urteil nimmt die moralischen Argumente Goldhagens nicht ernst und verlangt dafür ein detailliertes historisches Quellenstudium, obwohl der Autor sich dezidiert von dieser Aufgabe distanziert hat. Die Moraldiskussion wird in vielen Besprechungen mit dem Argument abgelehnt, es gebe genügend „ordentliche“ Arbeiten von Historikern und die seien differenzierter, wissenschaftlicher, distanzierter. Dabei wird außer Acht gelassen, dass „die Historiker“ nach 1945 keine abgehobene, objektiv arbeitende Zunft waren und sind und dass sie mit unterschiedlichen Intentionen, Ansprüchen und Möglichkeiten (geschlossene Archive) und – in Österreich – sehr spät an die Arbeit gingen.
Immer wieder wird der Vorwurf erhoben, dass Goldhagens Erkenntnisse nicht neu seien, als müsste der Planer eines neuen Autotyps auch das Rad erfinden. Goldhagens Leistung liegt in der moralischen Zielsetzung und in der Zusammenschau. So zu tun, als sei die Rolle der Kirche im Nationalsozialismus ein ausgeleuchtetes Feld im Bewusstsein aller, ist absurd.
Interessant ist ein Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in dem es um den Buchmarkt und die Chancen von Sachbüchern geht. Ganz offensichtlich wird Goldhagen als unliebsamer Konkurrent in einer „seriösen“ Branche gesehen, dessen „Polemik“ ziehe. Es ergeht ihm wie auch anderen amerikanischen Historikern, die im deutschsprachigen Raum oft auf Ablehnung stoßen.
In einigen Zeitungen wurde Goldhagen wegen eines Fotos im Buch, das Bischof Faulhaber im Ornat zwischen SA-Männern zeigen soll – aber wahrscheinlich einen anderen hohen Würdenträger darstellt – gleich des Betruges bezichtigt. Die Welt schreibt dazu aber: „Der allerdings erwartete gerichtliche Einspruch gegen das Goldhagenbuch trägt leider verkrampfte Züge. Gegen die von Goldhagen angeführten Aussagen Faulhabers, der immerhin an fünf Stellen Erwähnung findet, gibt es keinen Widerspruch, und die zeigen die politische Nähe Faulhabers zum NS-Regime noch deutlicher als das Bild. Und dass es ein hoher Würdenträger ist, der darauf durch die Reihen der SA geht, wird nicht einmal von der Diözese in Abrede gestellt. Laut Diözese ist auf dem Foto nicht Faulhaber, sondern der damalige päpstliche Nuntius in Deutschland Orsenigo zu sehen.“ Offensichtlich warten bestimmte Kritiker nur auf einen Irrtum, um das Wesentliche unter den Tisch zu kehren.
Im Stern lieferte man wie im Format eine ausführliche und informative inhaltliche Erläuterung des Buches mit der zusätzlichen Möglichkeit, Goldhagens Argumente in einem Interview abzuwägen. Als Gegner aus dem kirchlichen Kreis veröffentlichte man dazu im Stern ein Interview mit Kardinal Lehmann, im Format mit Kardinal Schönborn. Die LeserInnen können sich orientieren.
Alles in allem: Das Buch muss gelesen werden, weitere Fragen sollen gestellt und weitere Antworten gesucht werden.

Daniel Jonah Goldhagen: Die katholische Kirche und der Holocaust. Eine Untersuchung über Schuld und Sühne. Aus dem Englischen von Friedrich Griese. Berlin: Siedler-Verlag 2002, 480 Seiten, Euro 24,90

Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, Nr. 3/2003