Klahr    Alfred Klahr Gesellschaft

Verein zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung

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Willi Weinert: Zum 100. Geburtstag von Arnold Reisberg

Genosse Arnold Reisberg kann mit Fug und Recht zu den gewichtigsten Intellektuellen in der Geschichte der KPÖ gezählt werden. Dass sein Name in der Partei nach 1945 aber nur wenigen bekannt war, hängt eng mit seiner Vita zusammen.

Am 17.2.1904 im polnischen Borislaw geboren, zog seine Familie, wie Unzählige andere damals auch, im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts aus diesen östlichen Teilen der k. u. k. Monarchie in die Residenzstadt Wien. Er besuchte in Wien die Mittelschule und begann 1924 an der Universität Wien sein Studium der Geschichte. Er schrieb seine Dissertation "Der wirtschaftliche Anschluss Österreichs an Deutschland in den Jahren 1840-1848" und promovierte 1928 beim bekannten Historiker Alfons Dopsch.
1924 trat er der KPÖ bei und war mit seinen engen Freunden Dr. Alfred Klahr und Dr. Arnold Deutsch (Alfred Klahr, der Theoretiker der österreichischen Nation, wurde nach seiner Flucht aus dem KZ Auschwitz im Kampf mit der SS getötet; Arnold Deutsch, der promovierte Chemiker gehörte bald zu den bedeutendsten Kundschaftern – er war Führungsoffizier von Kim Philby – der UdSSR und fiel ebenfalls im Kampf gegen den Nazifaschismus) einer der wichtigsten Propagandisten im Kommunistischen Jugendverband, der im Arbeiterheim in der Blumauergasse (Wien-Leopoldstadt) ein Kristallisationszentrum hatte, wo viele Jugendliche mit dem Marxismus in Kontakt kamen.
Reisberg war in den 20er-Jahren Leiter der Propagandaabteilung der KPÖ und gehörte zu den Organisatoren der bekannten und nach dem Vorbild der KPD durchgeführten Marxistischen Abendschule (MASCH), deren Leiter er war. 1932, als die KPÖ in Österreich einen signifikanten Aufschwung erlebte und bei den damals abgehaltenen Wahlen zahlreiche Gemeinderatsmandate quer durch Österreich erringen konnte, entstand die Notwendigkeit, ein theoretisches Organ herauszugeben. Es hieß »Der Kommunist« und Reisberg war der verantwortliche Redakteur. Zwischen 1927-34 wurde er mehrmals verhaftet und nach den Februarkämpfen aus Österreich ausgewiesen. In der CSR hielt er Schulungen für Schutzbündler ab und wurde von der Partei 1935 in die Sowjetunion entsandt, wo er als Dozent an der Internationalen Leninschule arbeitete und erster Leiter des aus dem deutschen Sektor herausgetrennten "österreichischen Sektors" wurde. Man warf ihm 1937 "Abweichungen" vor, in der Folge wurde er aus der Schule entlassen, kurz danach aus der KPÖ ausgeschlossen und im April 1937 verhaftet und wegen "antisowjetischer Propaganda" zu fünf Jahren Lagerhaft verurteilt.
Wie viele andere hatte er das "Pech", dass das Ende seiner Haftzeit bereits in die Zeit nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion fiel, sodass er weiterhin im Lager (Kolyma) festgehalten wurde und, wie er im Lebenslauf formulierte, "am sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion teilnahm". 1946 konnte er ins Gebiet Kalinin übersiedeln, wurde aber 1949 erneut verhaftet, da er ohne Bewilligung nach Moskau zu seiner Frau gezogen war. Man verbannte ihn "lebenslang" nach Ostsibirien, wo er als Waldarbeiter, Teerbrenner und Transportarbeiter tätig war. 1954 wird endlich seine Strafe getilgt, die Verbannung aufgehoben und er kann als Deutschlehrer in Kaluga arbeiten. Seine Repatriierung nach Österreich scheitert an der Weigerung des österreichischen Staates ihm ein Visum zu geben. So nimmt er ein Angebot der DDR an, wo er im dortigen IML in der Leninabteilung arbeiten konnte. Obzwar er nach 1945 immer Kontakt mit den alten österreichischen GenossInnen hatte, war sein Name der Parteiöffentlichkeit nahezu unbekannt, was nicht nur mit seinem neuen Lebensmittelpunkt Berlin/DDR zusammenhing, sondern natürlich auch mit seiner Verhaftung und Lagerhaft in der Sowjetunion, einem Kapitel der Geschichte der KPÖ, mit dem umzugehen man nach 1945 verständlicherweise größere Probleme hatte.
Die Liste seiner wissenschaftlichen Arbeiten ist lange und seine bei Reclam (DDR) erschienene zweibändige Arbeit "Lenin – Dokumente seines Lebens" gehört zu den Standardwerken über den großen russischen Revolutionär.
Ein anderes Buch mit Standardcharakter ist das 1974 im Globus-Verlag erschienene Werk "Februar 1934", mit dessen Erscheinen auch sein Name innerhalb der KPÖ wieder bekannt wurde. Bis dahin gab es in der österreichischen Geschichtsschreibung noch kein Buch, das mit solch einer Ausführlichkeit (vom historisch-materialistischen Standpunkt gar nicht zu reden) auf die Vorgeschichte und den Ablauf der Ereignisse im Februar 1934 eingegangen war. Da analysiert nicht nur ein Zeitzeuge, sondern da fügt der Historiker die unterschiedlichsten Quellen und Fakten zu einem Bild zusammen, das dem Leser plastisch die Entwicklung, in den 20er-Jahren einsetzend, hin zum Februar und der katastrophalen Niederlage vor Augen führt.
Reisberg war ebenso ein Spezialist für die 2. Internationale, schrieb Manuskripte zu den österreichischen Kommunisten und Internationalisten, die an der Seite der Sowjetmacht in Russland kämpften, und erstellte eine Chronik der Geschichte der KPÖ, die leider zu seinen Lebzeiten nicht mehr veröffentlicht wurde, an deren Herausgabe aber gearbeitet wird.
Reisberg war, wie ehemalige Mitarbeiter versichern, nie ein Angepasster. Natürlich änderte auch die lange Zeit seiner Verbannung nichts an seiner marxistisch-leninistischen Überzeugung. Bis an sein Lebensende (er starb am 20.7.1980 Berlin) war er das, was er bereits Anfang der 20er-Jahre in Wien war, im positiven Sinne ein Propagandist für eine sozialistische Perspektive der Menschheit, ein Propagandist für den Kommunismus und scharfer Gegner aller revisionistischen Verwässerungen der marxistischen Ideologie, die in der Sozialdemokratie ihre markanteste Ausformung gefunden haben, aber auch in den verschiedensten Spielarten immer wieder in kommunistischen Parteien zum Ausbruch kommen. Entscheidend war für ihn dabei Lenins Erkenntnis, dass die Einheit eine große Sache und eine große Losung ist; "Doch die Arbeitersache braucht die Einheit unter den Marxisten, nicht aber die Einheit der Marxisten mit den Gegnern und Verfälschern des Marxismus." (LW, Bd. 20, 228)
Die DDR, die ihm die seinerzeitigen erlittenen Verfolgungen nicht nur durch die Möglichkeit der qualifizierten Arbeit abgegolten hat, würdigte seine Leistungen mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold.

gekürzt in: Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, Nr. 1/2004

 

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